ahoi - blaue mülltüten, orange papierschiffchen


nenn es bildergeschichten, kunstbücher, graphic design, comic

Es war eher Zufall, eine spontane Idee für die Mainzer Minipresse-Messe im Mai 1999. Silke Schmidt und Patrick Wichtler brauchten einen Namen, unter dem sie ihre selbstproduzierten Bildergeschichten ausstellen konnten: AHOI war geboren. Es folgten weitere Buchmessen in Frankfurt und anderswo, wo Kontakte zu anderen begeisternden Leuten geknüpft wurden, die Ähnliches machen. Silke: "Obwohl wir gar nichts von unserem Leben wissen können, gibt es da erstaunlich ähnliche Erfahrungen und Perspektiven."

So versteht sich AHOI auch vor allem als Forum für Künstlerinnen und Künstler, also mehr als fluktuierende Gruppe denn als Comic-Verlag; Leute zusammenzubringen und zusammenarbeiten zu lassen, die verwandte Ideen haben. Der Kern von AHOI sind Silke und Patrick, unter dem Namen laufen aber Veröffentlichungen von diversen KünstlerInnen. Dabei steht auch nicht das Label AHOI im Vordergrund, sondern es geht eher um die Idee, den eigenen Publikationen einen Rahmen zu geben und einen Austausch zwischen Leuten zu ermöglichen. Patrick: "Im Grunde schläft AHOI, bis ein Anlass besteht, etwas zu präsentieren." Alle Beteiligten haben ihre eigenen Projekte, Silke und Patrick veröffentlichen auch in anderen Verlagen, und da ist nur die faszinierende Idee, mit dem Label AHOI eine Kontinuität zu schaffen und z.B. mit einem Kalender eine Art Sammelheft zusammenzustellen.

Wir treffen Silke an ihrem Stand auf dem "1. Berliner Comic-Festival" in der Kulturbrauerei, das ja so nebenbei gar nicht die erste Veranstaltung dieser Art ist, so gab es im Pfefferberg vor zwei Jahren den Comicgarten, wo Silke es "viel gemütlicher" fand, weil Veranstaltungen und Stände nicht so getrennt waren und das Wetter gut. Jetzt regnet es, und wir sind froh, unter der Plane des Flohmarktstands Unterschlupf zu finden. Ein Besuch bei ihr und später noch zum Frühstück bei Patrick gibt noch weiteren Nachfragen Antworten.

Von Anfang an war AHOI eine NoBudget-Produktion, einfachste Vervielfältigungstechnik, aber immer stilvoll - selbst kopiert, gedruckt, gebunden, Butterbrottüten für die Wundertüten, Streichholzschachteln von Penny, blaue Mülltüten und orange Papierschiffchen als Dekoration.
Die Messen waren auch Anlass, neue Geschichten zu veröffentlichen, inzwischen kann AHOI auf über zwanzig Hefte verweisen. Von Silke Schmidt entstanden die eher witzig-zynischen Beobachtungen "men at work", unter anderem autobiographische Lebenstipps und Beziehungsreflexionen wie "haare wachsen lassen leicht gemacht", "der forscher", "die seefahrerin", und zusammen mit dem Texter Tilman Rammstedt Kleinode wie "eine froschkönigin" (bei edition wasser im turm). Patrick Wichtler veröffentlichte ähnlich treffsichere Betrachtungen von Gefühlsleben, "flugversuch", "schattenspringen", das gemein-selbstironische "ten ways to leave your lover" sowie unter anderem die Geschichte "Herzzeitlose", über die Liebe und die alltägliche Unmöglichkeit, sie zu vergessen, und das neue Werk "helden" soll Ende des Jahres fertig sein.
Auf Einflüsse angesprochen, erwähnt Silke die naheliegende Anke Feuchtenberger, die ihr den Blick darauf eröffnete, dass Comics auch ohne Knollennasen und Ulk auskommen. Comics müssen nicht witzig sein. Um den Bezugspunkt Feuchtenberger kommt man auch nicht herum, aber Einflüsse gibt es immer und vielfältige, und das erkennt man auch in den Zeichnungen. "Im Gegensatz zu Anke Feuchtenberger sind meine Geschichten viel banaler."
Die AHOI-Bildergeschichten sind mit dem Label Comic nur unzulänglich beschrieben, denn es gibt weder eine klassische Panelstruktur noch Sprechblasen, noch das Digma eines Plots. Es gibt Bild und Text, meist klare Linienführung, eine Beschränkung auf Wesentliches, und dafür gibt es keine passende Bezeichnung - Kunst, was auch nicht mehr sagt. Nur, dass es nicht um eine Massenproduktion geht und oft Tage, Wochen, Monate an einem Bild gesessen wird. Silke: "Vielen geht es so, dass es schwer fällt einzuordnen, was sie da jetzt machen. Ist das Gebrauchsdesign, Graphic Design, Comic? Ich glaube, "Bildergeschichten" trifft es noch am besten. Zum Beispiel bei Tilman und mir stehen Bilder und Text gleichwertig nebeneinander, entstehen oft gleichzeitig und bedingen einander gegenseitig. Bei klassischen Comics sind die Bilder ja dem Text übergeordnet."

Das nächste Projekt ist ein Kalender, an dem 19 KünstlerInnen mitarbeiten, der in einer 500er-Auflage in selbst durchgeführtem Offsetdruck erscheint. Sonst werden die meisten Bände liebevoll kopiert und in einer 20er-1000er-Auflage über Stände auf Buchmessen und einzelne Läden wie das "Artificium" in Berlin und ausgewählten Buchhandlungen in anderen Städten unter die Leute gebracht. Für junge ComickünstlerInnen gibt es eigentlich nur die Möglichkeit, Veröffentlichungen selbst in die Hand zu nehmen, und die Schwierigkeit, diese publik zu machen, ist bisher nur leidlich gelöst; einen Anfang stellt der Mailorder "Das Sortiment" dar, den Leute von Reprodukt für Kleinst- und Selbstverlage gegründet haben. Gibt es denn für diese künstlerischen Bildergeschichten überhaupt ein Publikum? Silke: "In Berlin ist es okay, hier sind die Leute ziemlich interessiert. In anderen Städten geht es auch, aber in dem Ort, wo ich herkomme, kann wirklich niemand was damit anfangen." Braucht man wirklich ein Vorwissen, um diese Art von Comics schätzen wissen zu können? Aber natürlich entwickeln verschiedene Hintergründe auch verschiedene Kunstformen.
Für den Kalender wurden teilweise TexterInnen und ZeichnerInnen zum ersten Mal zusammengebracht, wie schon beim Debut im letzten Jahr. Das Buy 12, get the 13th free betitelte Schmuckstück wird 30 DM kosten, "nie mehr als eine CD", wie auch die anderen Veröffentlichungen.
Lohnt sich denn die ganze Arbeit? "Finanziell gesehen machen wir kein Minus, wenn man die Arbeitszeit nicht berechnet. Aber so gesehen lohnt es sich, wenn z.B. Leute von der Allegra deshalb auf mich zukommen. Ein Anliegen ist schon, Leute publik zu machen. Aber das eigentlich Tolle ist das Kennenlernen von Leuten, die ähnliche Sachen machen, und das z.B. bei dem Kalender unter einen Hut zu bringen; etwas in der Hand zu halten, was man selbst gemacht hat."
Und so kann AHOI auch als Teil eines größeren Zusammenhangs gesehen werden, als einer von vielen einzigartigen Comic-Kleinverlagen. Und das Verlegen ist nur eine Sache, es gab z.B. im Schoko-Laden auch eine Lesung mit Freunden, wo 365 Streichholzschachteln von Silke und Patrick gestaltet wurden. Bald ist auch eine Tournee geplant, am 22.11. nach München für eine Ausstellung in der Muffathalle mit Dias, Konzert und Lesung, in Verbindung mit der Berliner Gruppe "Fön", die Texte an Musik macht, und Micha Hirt vom tsunami-Verlag. Wie sieht die Zukunft aus? Als Zusammenhang und Rahmen wird AHOI weiter bestehen und sich entwickeln, neue KünstlerInnen und Menschen, die das zu schätzen wissen, zueinander bringen. Silke: "Wir werden das auf jeden Fall noch länger machen. Inzwischen macht mir das Verlegen fast mehr Spaß als selber zu zeichnen."

Es gab auch mal eine Anfrage für ein Praktikum bei AHOI, was Patrick und Silke schmunzeln ließ - aber ihnen fiel nicht so richtig ein, was einE PraktikantIn denn zu tun haben könnte. Patrick: "Höchstens kopieren... oder zeichnen, das ist auch manchmal ziemlich anstrengend."< [interview: karo+peer, text: peer]

: Buy 12, get the13th free - Kalender 2002. Zeichnungen von Fritz Best, Judith Egger, Micha Hirt, Susanne Mewing, Nina Pagalies, Katrin Peters, Nikola Roethemeyer, Volker Schlecht, Silke Schmidt, Dirk Schwieger, Selda Soganci und Patrick Wichtler. Texte von Paul Brodowsky, Michael Ebmeyer, Sabine M. Krämer, Mariana Leky, Tilman Rammstedt und Florian Werner. 12 Monatsblätter+Bastelbogen von Martin Graf. 30 DM.

: Die Kalenderreleaseparty mit Bildern, Texten, Feiern und Fön findet am 4. Dezember im Schoko-Laden Mitte, Ackerstr. 169-170, statt.

: AHOI-Veröffentlichungen sind erhältlich im Artificium am Hackeschen Markt, beim Sortiment-Mailorder, oft auf Buch- und Comicmessen oder direkt bei Silke Schmidt:
AHOI*: sillysilks@hotmail.com

Siehe auch:
Micha Hirt: www.tsunamigraphics.de
Mailorder für selbstgemachte Comics: www.dassortiment.de