Das mußt du erstmal vorleben
 
I want a girl who will laugh for noone else
When I’m away she puts her makeup on the shelf
When I’m away she never leaves her house
I want a girl who laughs for noone else

weezer: „noone else“ 
 

Ich finde mich in Gesprächen mal in dieser, mal in jener Position wieder. „Hat es denn mal bei dir geklappt?“ fragt sie, eine einfache Frage, ohne lauernde Überlegenheit. „Nicht direkt. Aber wenn eine offene Beziehung scheitert, wird immer das ganze Konzept in Frage gestellt, bei einer Zweierbeziehung war es nur die falsche Person.“ In einem anderen Gespräch fällt mir auch gar nichts mehr ein, was dagegensprechen könnte. Eine Freundin sagt: „Was verlierst du denn? Eine Beziehung kann sich nicht über Besitzen definieren.“ - Aber ich erinnere mich an damals, wie sehr es geschmerzt hat, als meine Freundin mit jemand anderem schlief. Wenn eine Beziehung gut läuft, passiert das nicht, habe ich gedacht. Das heißt doch, daß irgend etwas fehlt, in einer funktionierenden Beziehung dürfte der Wunsch danach gar nicht da sein, dachte ich damals, einer von irgendwoher übernommene Argumentation folgend. Und nicht nur argumentatorisch folgend, sondern vor allem emotional. 
Eine Sammlung von Argumenten, die in diesen Diskussionen aus meinem Mund kamen: 
· Bei Beziehungen tauscht man eben ein Stück Freiheit gegen etwas anderes ein, man gibt etwas auf, kriegt aber dafür etwas wieder. 
· Rational kann ich das nachvollziehen, aber emotional umsetzen ist schwer. 
· Ich möchte alles sein. 
· In dieser Rolle will ich mich nicht wiederfinden: der gute, verständnisvolle Freund, mit dem jemand den Lebensabend verbringen will, aber Liebesabenteuer mit jemand anderem haben. 
· Das ändert doch nichts an meinen Gefühlen zu dir. (au weia) 
· Das ist das Problem: der anderen Person zuzugestehen, was man sich selbst zugesteht. 
· Scheiß Heterosexismus. 
· I’ve been subject to the same de-structure of desire and i’ve felt the same effects. 

Eine Beziehung zu haben, heißt eben, eine Zweierbeziehung zu denken. Das wurde mir eingeimpft. Ich weiß auch nicht, wogegen. Und so rein objektiv kann ich nicht mehr sagen, ob das eine herbeisozialisierte Konstruktion ist, oder wirklich das Naheliegende, was man auch so fühlen würde, wenn es nicht unzählige Lieder, Filme und Bücher darüber gäbe, die gewisse Reaktionsmöglichkeiten anbieten, andere dafür verschweigen. In der Welt um mich herum gibt es einige Beispiele, daß Monogamie klappen kann, auf kürzere und auch längere Zeit. Aber es gibt auch genug Beispiele, daß sie nicht klappt, zwei Menschen auch wegen gesellschaftlicher Zwänge gewohnt unglücklich sind, sich einschränken, andere Leben ruinieren, in Verbohrtheit - Monogamie als einziges Lebensmodell richtet jede Menge Schaden an. 

„Die Ehe mit ihrem ganzen Gefolge von Besitzdenken und Eifersucht versklavt den Geist. Hiervon will ich nie die Beute werden. Ich hoffe, es wird eine Zeit kommen, da weder Männer noch Frauen sich mehr zu freiwilligen Opfertieren ihrer gegenseitigen Schwächen herabwürdigen.“ 
irvin d. yalom: und nietzsche weinte
Es gibt eine Vielzahl von Gefühlen und Beziehungen, die nicht durch geeignete Wörter erfaßt sind, die zwischen Nullstellen wie Freundschaft und Liebe, zwischen Affäre und love of my life liegen. Ich teile mit bestimmten FreundInnen Themen, Erfahrungen und Stimmungen, die ich mit anderen nicht teilen kann. Warum soll jetzt eine einzige Person das alles leisten können, und woher kommt der Wunsch, das alles leisten zu wollen? Sex ist auch ohne Verliebtsein denkbar. Und schließlich stößt man auf die Frage, was denn überhaupt eine Beziehung ausmacht, wenn es nicht um sexuelle Ausschließlichkeit, Intimität und Teilhaben am Leben geht, was auch mit anderen geteilt werden kann. Hier kommt keine Antwort. Das Gefühl Verliebtsein gibt es. Vielleicht liegt das Problem auch in der Hierarchisierung von Nähe - das ist meine beste Freundin, warum beredet sie das nicht mit mir? Wir passen einfach nicht zusammen. Vielleicht würde es zusammenpassen, wenn der Anspruch nicht so hoch wäre. 
„Die Liebe als Unschuld und Fähigkeit zur Illusion, als Gabe, die Gesamtheit des anderen Geschlechts auf ein einziges geliebtes Wesen zu beziehen, widersteht selten einem Jahr sexueller Herumtreiberei, niemals aber zwei. In Wirklichkeit zerrütten und zerstören die zahllosen, während der Zeit des Heranwachsens angehäuften sexuellen Erfahrungen jede Möglichkeit gefühlsmäßiger, romantischer Projektion. (...) mit fortschreitendem Alter wird man weniger verführerisch und in der Folge verbittert. (...) Es bleiben nur noch Verbitterung und Ekel, Krankheit und Warten auf den Tod.“ 
michel houllebecq: ausweitung der kampfzone
„Betrügen“, ein häßliches Wort, ist nur ein Betrogen werden, wenn man es dazu macht. Denn was verlierst du dabei? Körperliche Liebe ist keine endliche Resource. Es gibt keinen objektiven Grund, warum zwei Menschen ein Stück Freiheit aufgeben müssen, weil sie sich mögen. Und wenn wir von Eifersucht sprechen: Monogamie bietet keinen Schutz davor, vielmehr treten die extremsten Beispiele von Eifersucht in engen Zweierbeziehungen auf. Und wenn wir von Sicherheit sprechen: Wieviel ist eine erzwungene Sicherheit wert? Monogamie kann ein Verändern von Gefühlen nicht verhindern, und es wäre eine traurige Sicherheit, die nur aus dem Nicht-Kennen von besseren Alternativen besteht. Eine Entscheidung füreinander sollte von zwei oder mehr freien Menschen freiwillig getroffen werden. 

Hallo, Sprache. Frauen sind „Geliebte“, Männer die „Liebhaber“. Preisfrage: Wer spielt immer die aktive Rolle? Für Männer ist es immer noch anerkannter, mit vielen Frauen zu schlafen, für Frauen bieten sich Bilder der Schlampe und der Trophäe. Auch dafür muß eine neue Sprache noch erfunden werden. / Ich könnte sagen, es ist Zufall, daß die Zitate in diesem Text nur von Männern stammen. Dagegen ist hier auch unbedingt zu nennen: „The Ethical Slut. A guide to infinite sexual possibilities“  von Dossie Easton und Catherine A. Liszt, das  einige interessante Gedanken, Denkanstöße und Vorschläge zum Thema bietet, indem es ein für die Autorinnen funktionierendes polygames Lebensmodell entwirft. / Wenn es für Männer anerkannter ist, eine „offene Beziehung“ zu führen, ist das dann ein typisch männliches Konzept? Oder ist nicht gerade die strenge Monogamie oft männlich dominiert? 
Verschiedengeschlechtlichen Sex denken heißt immer männliche Dominanz denken. Es sind seltene Momente, die eine Ausgeglichenheit denkbar machen. 

Wer meint, daß ein polygames Konzept sich in Komplikationen, Unverbindlichkeit und Distanz auflöst, vergißt, daß auch Monogamie seine Konflikte hat, was darf oder muß ich jetzt fühlen, wie schränken wir uns ein, und daß Beziehungen zu mehr als einer Person zu haben nicht heißt, daß es keine Verantwortung mehr gibt. Eher im Gegenteil. Im Endeffekt geht es darum, daß die beteiligten Menschen sich auf etwas verständigen, das ihnen und ihren Gefühlen gerecht wird, womit sie leben können - und nicht um die Definitionen und Vorstellungen, die sie umgeben. 

     [peer]