Im Wohnzimmer demonstrieren

Die Irrfahrt der 'Laster und Hänger'-Wagenburg


 
 

 
 
 

Seit November 2000 suchen 25 Berliner einen neuen Platz für ihre Wohnungen. Sie sind keine Investoren, die erst noch Wohnungen bauen wollen, ihre Wohnungen sind mobil. Es geht um die Wagenburgler der 'Laster und Hänger' Wagenburg Berlin, die nach knapp fünf Jahren ihren angestammten Stellplatz am Filmtheater Friedrichshain verlassen mussten. "Sie haben ungeheuren Druck auf uns ausgeübt", sagt Till.

Wir sitzen auf einem Bett, das auf einer LKW-Pritsche steht, nebst Tischen und Stühlen, einem Herd und Sofas. Dieses 'öffentliche Wohnzimmer' ist Teil eines Demozugs. Wir demonstrieren für 'Toleranz', ein strapaziertes Wort dieser Tage. Das komme, weil eben auch Wagenburgler ein pluralistisches Häufchen sind, fährt Till fort, da fällt es schwer, sich auf differenzierte politische Positionen zu einigen.
Die Reden vom Lautsprecherwagen klingen entsprechend vielstimmig, gemeinsam ist ihnen nur eines: Dies ist auch unsere Stadt, wir lassen uns nicht vertreiben. Vom Frankfurter Tor aus zieht der Zug in den Friedrichshainer Kiez um die Simon-Dach-Strasse.
Till trägt seine persönlichen Konzepte vor. Im Wagen zu Wohnen bedeute, sich frei machen zu können von der Logik der Lohnarbeit, mietfrei zu wohnen, aber auch mobil zu sein. Er fordere nicht, daß alle so leben, aber er fordere Toleranz für seine Lebensform.

Die Investoren, die auf dem ehemaligen Platz der Wagenburg ein Altersheim und einen Hotelkomplex errichten wollen, ein 14 Millionen DM-Projekt, saßen im Streit, der dem Abzug der Wagenburg voran ging, am längeren Hebel. Dem Gewohnheitsrecht, das die Besetzer reklamierten, stellten sie die Drohung entgegen, alle Besetzer wegen Bauverzögerung zu verklagen. Um einen im Ausgang ungewissen Rechtsstreit, aber auch eine Räumung durch die Polizei zu verhindern, gaben sie schließlich nach. Die Investoren zahlten ihnen 45.000 DM Entschädigung, das Land und der Bezirk stockten die Summe auf 100.000 DM auf. "Schmutziges Geld, wir werden alles wohltätig-staatsfeindlichen Organisationen spenden", lacht Till, angesichts der Größenordnung des Investitionsvorhabens sei es ohnehin lächerlich. Und auch die öffentlichen Gelder, die da flossen, sollten zu Denken geben, meint er. In der Tat ein deutliches Beispiel dafür, daß öffentliche Kassen die sozialen Folgekosten privater Geschäfte tragen müssen.

Seit November nun irren die Vertriebenen durch die Stadt, auf der Suche nach einem neuen Standort. Vom Bezirksamt Prenzlauer Berg hieß es, man habe keine Einwände gegen eine neue Wagenburg, doch der Platz müsse geeignet sein. Ein Lippenbekenntnis. Denn offiziell gilt die einst von Innensenator Schönbohm ausgegebene Berliner Linie, daß keine Neubesetzungen in der Innenstadt geduldet werden. Erst versuchten die Wagenburgler eine Freifläche am Mauerpark, doch binnen Tagesfrist wurden sie von der Polizei geräumt. "Plötzlich hatten wir den gesamten Repressionsapparat am Hals", erzählt Till. "Egal, wann und wo wir standen, die Polizei war immer dabei, es war unmöglich, mit mehr als drei Wagen zusammenzustehen." Der Pankower Bezirksbürgermeister Reinhard Kraetzer (SPD) schlug einen Parkplatz in Pankow-Heinersdorf direkt an der Autobahn vor, auch ein Platz in der Einflugschneise des Flughafens Schönefeld wurde angeboten. Die attraktiven Freiflächen in der Innenstadt jedoch sind tabu. Dort will man Investoren zum Kaufe reizen und vielleicht auch sauber aussehen. Wagenburgen passen in diese Logik nicht. "Uns wurde klar, daß wir die Öffentlichkeit brauchen", sagt Till.
Die Wagenburgler verlegten sich auf symbolische Besetzungen am Senefelder Platz und vor dem Roten Rathaus, die ebenfalls schnell beendet wurden, aber das gewünschte Ziel erreichten. Die Berliner Presse reagierte mit Verständnis und Sympathie. Till: "Das genau ist, was wir brauchen, schließlich ist Politik in unseren Tagen auch nur ein Produkt, das gut beworben sein muß, um Erfolg zu haben." Bleibt anzumerken, daß auch die Studierendendemonstrationen in den 90er Jahren in der Regel vor allen Dingen dadurch erfolglos blieben, daß sie von allen Seiten mit Unterstützung überhäuft wurden.

Die Demonstration zieht durch den Friedrichshain, später über die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg. Im Wrangelkiez ziehen wir an einer großen eingezäunten Freifläche direkt an der Spree vorbei. Ein Einkaufszentrum soll entstehen, doch eine Bürgerinitiative kämpft dagegen an. "Das wäre auch ein schöner Platz", kommentiert Till.

Unweit von hier, am Bethaniendamm, steht nun ein Teil der Wagen der Gruppe. Das ist kein Zufall. Kreuzberg-Friedrichshain, der Armutsgroßbezirk der Innenstadt, soll die neue Heimat der Wagenburg werden. Mit Bezirksbürgermeisterin Bärbel Grygier (PDS), die schon mal eine Wagenburg in Hohenschönhausen ansiedeln wollte und auch sonst für ihre unorthodox linken Positionen bekannt ist, erhofft man sich faire Chancen für einen neuen Platz. Doch auch hier bedarf es der Überzeugungsarbeit. Zuständig für die Flächen des neuen Bezirks ist nämlich nicht die Bürgermeisterin, sondern ihr Stellvertreter Michael Schäfer (CDU). Der hatte sich vor wenigen Wochen noch schlichtweg geweigert, überhaupt mit Wagenburglern zu verhandeln. "Jetzt treffen wir ihn doch." Till ist optimistisch.

Überhaupt herrscht eine gute Stimmung bei der Demo. Es sind vielleicht 2000 Leute da, viele von ihnen kommen aus ehemals besetzten Häusern oder von anderen Wagenburgen. Ein bunter und vor allem friedlicher Haufen. Von der sonst üblichen Spannung bei Demos kann kaum die Rede sein. Die meisten Wortbeiträge klingen friedlich, gemäßigt, man bescheinigt sich, der Alternativkultur, ein Gegengewicht zum grassierenden Rechtsradikalismus zu sein, das klingt beinahe schon wie Anbiederung an die herrschende aufständig-anständige Politik. Bei der Abschlußkundgebung gibt es dann statt Steinhagel und Strassenkampf Bohnensuppe aus der Gulaschkanone. Mit Schweinefleisch. Wenn ein deutscher Außenminister mit seinen Steinwürfen kokettiert und Vegetarier ist, bleibt einem wohl kaum etwas anderes übrig.

Zum Abschluß meldet sich noch mal jemand aus dem Lautsprecherwagen. "Nur daß ihr's auch richtig verstanden habt, wir brauchen keine Regierung, weil Regierung keine Probleme löst, sondern unser einziges Problem ist." Na dann: Ende gut, alles gut!

[Fabian Frenzel]