Nur dadurch, daß du eine Platte kaufst, führst du noch keine Veränderung herbei.

Kante

Vatermord am Rock

 

Wir stolpern in ein Gespräch hinein. „Nur sieben Pfennig pro Minute“. Dafür kriege ich Einblicke in Kantes Welt der Musik, wie man das macht, Postrock. Und was man sich noch dazu denken kann. Inzwischen wird ihr Indie-Hit „Die Summe der einzelnen Teile“ in den lokalen Radiostationen gespielt, und vorgestern lief die ganze neue Platte in dem Laden meiner Wahl. Ich habe keine Ahnung, wie Peter Thiessen aussieht, am anderen Ende der Leitung. Ziemlich dilettantisch falle ich gleich mit Fragen ins Haus, ohne zu wissen, wohin das führen soll. Und dann entspinnt sich doch, manchmal überlegt (er) und manchmal ins Blaue gesprochen (ich), ein Interview, bei dem ich meinen Notizzettel auch ruhig hätte wegwerfen können.  

„Zweilicht“ (Kitty-Yo)

Als ich im November abends nach Hause kam und in einem gepolsterten Umschlag die neue Kante-Platte vorfand, war ich eher milde interessiert als gespannt. Unter „Kante“ standen in meinem Gehirn Dinge wie Postrock, Hamburg, Bassist von Blumfeld, Instrumentalmusik, selten Gesang, also eher Abstraktion als Emphase. Und das, ohne das Debut „Zwischen den Orten“ von 1997 überhaupt gehört zu haben, nur darüber gelesen. Doch dann, „Zweilicht“: das erste Lied wie eine warme Decke, ein Song, angenehmer Gesang; das zweite, „Die Summe der einzelnen Teile“, mit einer grandiosen Gitarrenlinie, die sich mit der Gesangszeile „Wir leben von einem Glauben, der unserer Gegenwart vorauseilt“ in mein Gehirn drängt, als wäre sie schon immer dagewesen und würde für immer bleiben. Danach ufert die Musik aus, weiträumige Stücke über acht Minuten mit Jazz, Streicher-Arrangements, Klarinetten, Samples, Minimal Music, World Music, wie ich befürchtet hatte. Inzwischen macht es Sinn. Man darf dieses Album nicht mit der Erwartung hören, es sei einfach Rockmusik. Es geht nicht um vermeintliche Authentizität, um Mitsingen, Gitarren, das Band-Ding - es verlangt Zuhören, es geht um Musik.

Laß uns nicht von Musik reden

In Eurem Info sind ungefähr 20 musikalische Bezugspunkte genannt, gibt es da stärkere Einflüsse, oder wie bringt ihr das zusammen?

Wir machen das weniger, um zu zeigen, was für tolle Platten wir besitzen. Wir sehen das nicht als ein Archiv, wo man Schubladen aufmacht und denkt, alles darüber zu wissen, was diese Platte bedeutet, sondern als lebendiges Material. Wenn wir uns auf sowas wie FreeJazz beziehen, dann habe ich das Gefühl, was uns daran fremd ist, bleibt auch in der Bezugnahme darauf bestehen. Das ist nicht eine komplette Aneignung in dem Sinne, daß das "eigen" werden würde. Ich glaube generell, daß Musikmachen oder Kunstproduktion etwas damit zu tun hat, daß man sich mit etwas anderem beschäftigt, als man selber ist. Ich bin nicht die Musik, die wir da machen. Generell betrachte ich das nicht so sehr als Selbstverwirklichung. Ich weiß auch nicht, wie ich wirklicher werden sollte, als ich bin oder nicht bin, nur deswegen, weil ich eine Platte aufnehme.

Aber die Texte sind doch schon Teil von dir?

Für mich ist das nicht in erster Linie persönlich. Es ist etwas anderes als Sachen, die ich in ein Tagebuch oder einen Brief schreiben würde, oder einer Person, die mir nahe ist, sagen. Das ist ja keine normale Sprache, sondern eine Kunstsprache.

Also eher abstrahiert?

Abstrahiert finde ich das eigentlich nicht. Ich bemühe mich darum, daß es konkret ist, auf verschiedenen Ebenen. Ich mag es nicht, wenn man Sachen, die man klar und einfach sagen kann, verschlüsselt, und Leuten Rätsel aufgibt. "Manchmal redest du im Schlaf" bedeutet für mich in erster Linie das, was direkt dasteht. Es ist nicht erklärend, nicht beschreibend, wie eine Person ist, oder die Umstände, sondern tatsächlich eher erzählend. Insofern ist es nicht abstrakt. Und auch auf der Ebene der Sprache selber finde ich das konkret. Auch die Musik ist eher konkret als abstrakt, am Klang orientiert.

Ich glaube generell nicht, daß man sagen kann, die Melodie bedeutet das und das. Eine Melodie ist erstmal einfach eine Melodie. Ich glaube nicht, daß man das auf der Ebene der Bedeutung lesen kann. Und ich empfinde das oft als Terror, wenn man Musik oder Kunst unter den Zwang von Bedeutung-Produzieren stellt. Das ist zwar auch eine Ebene, die drinsteckt, aber für mich nicht die Wichtigste. Ich sehe schon Sinn darin, aber der läßt sich nicht als Bedeutung entschlüsseln. Ein Sinn ist ein Mehr als die Summe der einzelnen Teile. Sinn erschöpft sich nicht aus einer Aneinanderreihung an Worten, sondern besteht auch aus dem Geflecht von Sinneinheiten, der Beziehung, die sie zueinander haben.

Würdest du eure Musik als minimalistisch bezeichnen?

Die Musik arbeitet nach wie vor mit ziemlich vielen repetetiven Elementen, oder auch, daß der Baß auf einem Grundton bleibt und sich darüber die Akkorde verschieben - eine stehende Ebene. Oft passiert harmonisch nicht viel, aber gerade dadurch fallen einem die Veränderungen auch auf, ein Mittel um Spannung zu erzeugen. Es gibt natürlich eine ziemliche Opulenz an Klängen oder auch Melodien, aber der kompositorische Kern der Stücke ist eigentlich eher reduziert. Wir bemühen uns auch um eine möglichst große Strenge. Für mich ist das aber nicht minimalistisch im Sinne von Minimal Music.

Das Postrock-Problem

Die ersten beiden Stücke von "Zweilicht" sind für mich "echte" Songs, die anderen sind bis auf "Live at the Electronic Avenue" dagegen mit diesem Begriff nicht mehr zu erfassen. Schon bei eurem ersten Album "Zwischen den Orten" spielte im Zusammenhang mit Postrock-Diskussionen der Gegensatz Song vs. Track eine Rolle.

Das ist für mich keine besonders weitreichende Unterscheidung. Das hängt für mich an der Frage, welches musikalisches Material es gibt, was die Idee von einem Stück ist. Das dritte Stück z.B. basiert vor allem auf einer Gitarrenfigur, die eine hypnotische Kraft entwickelt, wenn sie lange gleich gespielt wird. Aber auch bei dem zweiten Stück geht die Gitarre vom Anfang das komplette Stück durch, und das erste Stück basiert praktisch auf einem einzigen Akkord. Insofern ist das für mich nicht so ein Riesenunterschied, auch wenn ich schon sagen würde, die drei genannten Stücke haben eher eine traditionelle Songform. Die anderen sind mehr Freestyle-mäßig, oder Postrock-mäßiger. Ich finde das auch gar keinen so schlechten Begriff, auch wenn er problematisch ist. Ich finde daran interessant, daß der Begriff an Postmoderne und Poststrukturalismus angelehnt ist, aber auch, daß er ein neues Genre begründet, das ein anderes für beendet erklärt: das, was nach Rock kommt. Dieser Gestus ist für mich eins der wesentlichen Merkmale von Rock als Modell: Rockmusik ist tot, es lebe Rock. Das gibt es in keiner anderen Musik, daß das so permanent und immer wiederkehrend erklärt wird. Tobias Levin, mit dem wir die Platte aufgenommen haben, meinte, keine HipHop-Band oder kein Jazztyp würde sich hinstellen und sagen "HipHop ist tot", oder "Jazz ist tot". Das ist für diese Musiken nicht denkbar. Für Rockmusik ist das für mich die kennzeichnende Haltung.

Aber ist denn Postrock hörbar, ohne Rock zu kennen? Muß man nicht das Strophe-Refrain-Prinzip kennen, um seine Abwesenheit als etwas Neues zu verstehen?

Wenn du das als etwas Neues begreifen willst, dann ja. Aber ich glaube, auch jede andere Musik kann man immer einfach so hören, ohne ganz viele andere Sachen zu kennen. Die Form Strophe-Refrain ist ja auch nicht die einzige Form, die es gibt - und auch nicht die wichtigste oder natürlichste. Das ist einfach eine historische Erfindung - und auch eine schöne Form, gar keine Frage.

Dieser Begriff "Postrock" verbleibt aber in dem gleichen Mechanismus wie Rock - bevor etwas Neues entstehen kann, muß das Alte für beendet erklärt werden. Postrock ist für mich nicht wirklich ein anderes Modell als Rock, und wenn du den Begriff verfolgst, dann hat mit dem Genre genau das stattgefunden, was auch mit Rock passiert ist: Postrock, das kann man nicht mehr machen, das ist jetzt auch tot.

Post heißt ja auch nicht nur ein einfaches "danach", sondern auch Gleichzeitigkeit.

Die Bezeichnung selber sagt das aber erstmal nicht so. Das wär ja Schwachsinn, daß es dadurch, daß man einen Begriff erfindet, keine Rockmusik mehr gibt. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, daß Rock auch eine sehr patriarchale Musik ist, diese Form von Vatermord, diese symbolischen Todeserklärungen. Musik, die in erster Linie von Männern gemacht worden ist und gemacht wird, und auch in männlichen Denkmustern gedacht wird.

Moralische Fragen

Deswegen gibt es natürlich trotzdem sowas wie Punkrock, was ganz extrem diesen Rock-Gestus beinhaltet, der aber in der historischen Situation auch eine emanzipatorische Notwendigkeit hatte. Aber man muß sich fragen, zu welchen Zeitpunkten und unter welchen Bedingungen das wirklich eine solche Berechtigung hat. Das wird viel zu oft dafür verwendet, um sich Märkte zu erkämpfen - ein anderes Wort für Markt wäre auch sozialer Status. Es gibt total viele Bands, die Platten veröffentlichen - und irgendwie mußt du ja erklären, daß die und die Platte besser sein soll als eine andere. Das hat nichts damit zu tun, daß es dafür irgendwelche moralischen Gründe geben würde; sondern eher damit, daß man Platten verkaufen und sich wichtig machen will (lacht). Das Sichwichtigmachen ist ja oft mit vollem Recht, und es ist auch wichtig, daß man sich wichtig nimmt. Nur erscheint das oft wie eine moralische Frage, aber das sehe ich nicht so. Für mich ist es keine moralische Frage, ob man Michael Jackson hört oder lieber Pavement oder Sonic Youth - und noch weniger eine politische Frage, das ist tatsächlich eher eine Geschmacksfrage. Man muß nicht denken, daß man dadurch, daß man eine bestimmte Musik gerne hört, etwas verändern würde.

Aber hat es keine Auswirkung, wen man unterstützt?

Bestimmt hat das ne Auswirkung. Fragt sich nur, eine wie große. Bei Major- oder Indie-Labels ist doch nur die Frage: unterstützt du eine große oder eine kleine Firma? Das ist für mich trotzdem noch keine moralische Frage. Es könnte eine sein, wenn es mehr Indielabels geben würde, die eine wirklich explizit linke Politik vertreten. Gerade wenn man Interesse an linker Politik hat, halte ich es für wichtig, sich nicht einzureden, daß man dadurch, daß man Platten von einer kleineren Firma kauft, einen politischen Akt vollbracht hätte, weil man sich da selber belügt.

Du meinst, es ist chancenlos, dem zu entkommen, wenn man sich im Musikbusiness bewegt?

Nein, das meine ich absolut nicht. Ich bin sehr für Übernahme oder Besetzung von linken Positionen auch im Künstlerischen. Aber das ist für mich nicht mit der Frage verbunden, auf welchem Label eine Platte rauskommt.

Aber mit welchen dann? Mit inhaltlichen?

Was du in einem Text vertrittst, in welchen Kontexten du dich bewegst, in wie weit du dich vom Business korrumpieren läßt. Ich würde mich nicht von Mercedes Benz sponsorn lassen, oder dem Spiegel würde ich jetzt nicht ohne weiteres ein Interview geben. Andererseits kann man auch bei einem Majorlabel dafür sorgen, daß man unabhängig bleibt und die Position vertreten, die man vertreten möchte. Vielleicht ist, was ich mir wünschen würde, auch eher, daß darüber mehr nachgedacht wird. Ich finde es zu einfach, wenn man sich entscheidet, nur Platten von den und den Labels zu kaufen. Dadurch verändert sich ja nichts.

Aber kann man nicht bewußt eine Band unterstützen, mehr zu machen, mehr Leute zu erreichen?

Ich wäre da ein bißchen vorsichtig. Zum einen finde ich es total sympathisch, wenn Leute, deren Positionen ich teile, die Möglichkeit haben, Platten zu machen. Aber man muß sich irgendwann Gedanken machen, für welche wirklichen gesellschaftlichen Änderungen das denn sorgt. Ich find’s zu wenig, wenn jemand eine bestimmte Position vertritt, die Leute, die das hören, sowieso schon haben. Das bleibt dann in dem System gefangen - vielleicht, wenn mehr Leute das hören, und wenn Leute entsprechend handeln. Ich habe auch gar nichts gegen Indie-Labels (lacht), ich halte das auch für wichtig, daß Musik herauskommen kann, die unkommerziell, abgefahren und freakig ist. Das hat auch Tobias irgendwann gesagt: Selbst die avantgardistisch abgefahrenste Musik kann theoretisch von irgendeinem Rechten gemacht sein.

Die alte Frage: ist rechter HipHop denkbar?

Ich würde mal sagen, HipHop ist nicht per se links. Die bloße Tatsache, daß HipHop in der Regel von Afro-Amerikanern gemacht wird, macht die nicht alle zu Linken. Das wäre ein totales Mißverständnis. Aber es hat natürlich Effekte, was für Leute in der Öffentlichkeit repräsentiert werden. Wenn Afro-Amerikaner über HipHop repräsentiert sind, dann finde ich das erstmal gut - das hat mit Sicherheit auch irgendwelche gesellschaftlichen Effekte. Dagegen würde ich aus meiner Position sagen, daß ich gar kein Interesse daran habe, mich zu repräsentieren. Denn das, was ich repräsentieren könnte, ist sowieso schon überall repräsentiert. Deswegen ist uns mit dem, was mir mit Kante machen, auch nicht so wichtig, daß wir uns selber damit auch nochmal repräsentieren - sondern es geht uns in erster Linie wirklich um die Musik.

[peer]