Gewalt durch Gewalt in den Medien? 
Was die Mediengewalt-Forschung uns zu sagen hat.

Wie kommt die Gewalt in die Gesellschaft? Bei aufsehenerregenden Gewaltverbrechen wird in der öffentlichen Debatte oft die Schuld bei den Medien gesucht. Denn es scheint intuitiv nachvollziehbar, dass Horrorfilme, Computerspiele, Krimis oder "Hass"-Bands die Schablone für Nachahmungstaten liefern können. Aber gefährdet sind immer die "anderen". So ist die Frage nach schädlicher Wirkung von Gewalt in den Medien eines der zentralen Untersuchungsfelder der Medienwirkungsforschung seit ihren Anfängen in den 20ern. Über 5000 Studien beschäftigten sich mit dem Thema und produzierten vor dem Hintergrund verschiedenster Theorien widersprüchliche Ergebnisse. Gerade die Gewaltproblematik zeigt, dass Medienrezeption und die Forschung dazu immer in gesellschaftliche Verhältnisse verstrickt sind. 


Zur Debatte
Die Diskussion um die schädliche Wirkung von Medien auf die Gesellschaft ist so alt wie die Medien selbst. Bei der Verbreitung des Buchdrucks gab es Bedenken wegen der "falschen" Auslegung der Bibel, als Zeitungen täglich gedruckt wurden, hieß es, dass Lügen und Verleumdungen verbreitet würden und Weltekel und Sucht erzeugten. Mit der Einführung des Kinofilms wurde argumentiert, die Jugend würde moralisch verdorben und kriminalisiert, als der Tonfilm erfunden wurde, sehnten sich die KritikerInnen nach dem Stummfilm zurück. Die Implementierung von neuen Medien oder Programmformaten (Action, Reality-TV, etc.) führt immer wieder zu "Kulturschocks" (Werner Faulstich) und Diskussionen, die mitnichten auf die Medien selbst, sondern immer auf einen dahinterliegenden Wertekanon verweisen.

So ist auch die Debatte um Gewaltdarstellungen in den Medien und ihre Wirkungen auf die Gesellschaft immer gekennzeichnet gewesen durch die politische Suche nach einem Sündenbock, dem Versprechen von Sicherheit, von Generationskonflikten und der Werteverfall-Klage, sowie zugrundeliegenden Vorstellungen von "Kindheit" und Gesellschaft. 

In der medialen Diskussion wird oft der intuitive alltagstheoretische Zusammenhang von Mediendarstellung und Anwendung von Gewalt vorausgesetzt (nach Friedrichsen/Vowe): Die Wirkung verlaufe monokausal, unmittelbar, linear und symmetrisch. Die Ergebnisse von Inhaltsanalysen (etwa "Amerikaner haben bei Erreichen ihres 18. Lebensjahres im Schnitt 40 000 Morde im Kino und im Fernsehen gesehen" (Spiegel)) werden oft mit ihren Auswirkungen gleichgesetzt. Dabei widerlegten schon die Payne-Fund-Studies aus den 1920ern den direkten Schluss vom Inhalt auf die Wirkung, und die seitdem entstandenen wissenschaftlichen Untersuchungen zum Themenkomplex Mediengewalt zeigen eindeutig auf, dass ein solcher Zusammenhang nicht nachweisbar ist. 

Zum Stand der Mediengewaltforschung
Bei dem Versuch, den Korpus wissenschaftlicher Untersuchungen zur Entstehung von Gewalt zu ordnen, kommen die Sammelbände der letzten Jahre zu einem recht einheitlichen Ergebnis: Das Feld zeichnet sich nicht durch Evidenz, sondern eher durch Fragwürdigkeit aus (Merten). Kunczik spricht von einem "minimalen Erkenntnisfortschritt" trotz der Vielzahl von Untersuchungen. Das liegt zum einen daran, dass das Feld der Wirkungstheorien widersprüchlich ist und viele Einzelstudien nur schwer verallgemeinerbare Ergebnisse erzielt haben, zum anderen daran, dass der Wirkungs- und der Gewaltbegriff nicht zufriedenstellend definiert sind. Schon aus erkenntnistheoretischen Gründen kann es keinen eindeutigen und analytisch vollständig neutralen Gewaltbegriff geben, denn Gewalt ist kein Beobachtungsterminus, sondern ein "soziales Unwerturteil" (Merten), das schicht-, generationen- und erfahrungsbedingt ist.

Von den vielfach widersprüchlichen Theorien zur Wirkung von Mediengewalt, die im Laufe der Jahrzehnte entwickelt und überprüft wurden (wie die Katharsistheorie, die Theorie der Wirkungslosigkeit, Kultivierungshypothese, Stimulationsthese, Excitation-Transfer, Suggestionsthese etc.), wird die sozial-kognitive Lerntheorie nach Bandura inzwischen von den meisten WissenschaftlerInnen als das am besten belegte Modell akzeptiert (vgl. Kunczik, Friedrichsen/Vowe, Fischer-Lexikon der Publizistik). Dagegen treten die psychologischen Ansätze zurück, die Gewalt anhand von Trieb- oder Frustration-Aggressions-Theorien erklären.

Die durchgeführten Studien (meist Laborexperimente, Feldstudien, inzwischen meist Inhaltsanalysen verbunden mit Befragungen) erbrachten widersprüchliche und vieldiskutierte Ergebnisse, und es schien, dass je wissenschaftlich genauer eine Untersuchung durchgeführt wurde, desto kleiner die nachgewiesene Auswirkung von Mediengewalt (Kunczik). Das Gesamtmuster der Befunde weist einen geringen positiven Zusammenhang zwischen Mediengewaltkonsum und späterer Aggression auf, allerdings in einer Höhe, die nach wissenschaftlicher Konvention schwer interpretierbar ist - 1-4% der Aggression könnte auf Mediengewalt zurückzuführen sein.

Vor dem Hintergrund der Lerntheorie, die Medien als einen Faktor neben anderen, z.T. wichtigeren Faktoren (wie Verhalten der Eltern, kulturelles System, Bildung, Einbettung in Gleichaltrigengruppen, Persönlichkeitsmerkmale, etc.) sieht, werden diese Befunde in ihrer Konsistenz allerdings als erwartetes Ergebnis und somit als Unterstützung der These gewertet. Die Lerntheorie besagt, dass menschliches Verhalten nicht unausweichliches Resultat von inneren Kräften oder Umweltstimuli ist, sondern nach funktionalem Wert in der spezifischen sozialen Umgebung bemessen wird; nicht alles, was gelernt wird, wird auch umgesetzt. Aggression kann in diesem Modell eliminiert werden, wenn die sozialen Bedingungen, die sie auslösen, sowie die positiven Bekräftigungen, die sie aufrechterhalten, beseitigt werden. 

Die Forschungsbefunde weisen darauf hin, dass beim Vorliegen entsprechender Randbedingungen das Fernsehen einen Beitrag zur Herausbildung violenter Persönlichkeiten liefern kann. Aber auch für das Lernen von Aggression gilt, dass zunächst die unmittelbare familiäre Umwelt sowie die Subkultur bzw. die Gesellschaft, in der man lebt, die Quellen sind, aus denen aggressives Verhalten erlernt wird.

Gesicherte Ergebnisse

Nach Friedrichsen können die Erkenntnisse der Mediengewaltforschung wie folgt zusammengefasst werden: Gewaltdarstellungen haben auf die große Mehrheit der Rezipierenden keine oder nur schwache Effekte, aber bei bestimmten Problemgruppen können womöglich starke Wirkungen auftreten. Direkte Wirkungen sind nur in Einzelfällen zu belegen.

- Gewaltdarstellungen in den Medien tragen nicht zum Abbau von Aggressionen bei (Katharsisthese widerlegt).

- Kriminelle oder aggressive Verhaltensweisen sind nicht zwangsläufig auf gewalthaltige Medieninhalte zurückzuführen.

- Die Verstärkung von bereits vorhandenen Einstellungen bzw. Aggressionen ist wahrscheinlicher als deren Induktion.

- Bei der Beurteilung von Medieninhalten und ihrer Wirkung auf Rezipierende müssen soziale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen berücksichtigt werden.

- Es muss unterschieden werden zwischen kurz- und langfristigen Medienwirkungen.

- Lebenswelten und Personenmerkmale der Rezipierenden haben Einfluss auf die Wirkung.

"Children in the Community"-Studie 2002

Im März 2002 erschien im Spiegel die Notiz, dass eine Langzeitstudie den Zusammenhang von Fernsehkonsum und späterer Aggression nachgewiesen hätte. Die "Children in the Community"-Untersuchung von Johnson et al. erstreckte sich über 17 Jahre und erhob auch intervenierende Variablen wie Gewalt im Umfeld, in der Familie, vorheriges aggressives Verhalten, Bildung der Eltern, Einkommen der Eltern, etc. und versuchte so, möglichst viele andere Gründe auszuschließen. Die im Science Magazine erschienene Auswertung kommt zu dem Schluss, dass extensiver Fernsehkonsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit einer größeren Wahrscheinlichkeit, aggressive Akte gegen andere auszuführen, verbunden ist. Die Studie verschweigt jedoch, in welchem Umfang der Faktor Fernsehkonsum in spätere Aggression eingeht, denn den Vergleich mit den anderen isolierten Faktoren bleiben die AutorInnen schuldig. Zudem wird hier nur pauschal Fernsehkonsum erhoben, und nicht etwa nach dem Ansehen von gewalttätigen Inhalten gefragt. 

Die Untersuchung wirft auch ein Licht auf einen blind spotder Mediengewaltforschung: Sie weist signifikante Unterschiede in den Ergebnissen für weibliche und männliche Teilnehmende auf, die nur am Rande andiskutiert werden. Die Statistiken deuten an, dass männliche Sozialisation der von allen Faktoren einflussreichste im Hinblick auf späteres aggressives Verhalten ist. Andere Studien klammern Frauen gleich ganz aus (oft nur männliche Probanden in Laborexperimenten) oder ignorieren signifikante Unterschiede in den geschlechtsspezifischen Ergebnissen. Aber wie können Medien der auslösende Faktor sein, wenn sie nur auf Männer "wirken"?

Kritik an der Medienwirkungsforschung
In den letzten Jahren wurde aber auch Kritik an der Medienwirkungsforschung und ihrem Konzept von "Wirkung" bei Mediengewalt laut, insbesondere von VertreterInnen der Cultural Studies. Der Vorwurf: Die Blickrichtung der Forschung würde die Rezipierenden nur als potentiell gefährdete, passive Wirkungsobjekte konzipieren und nicht auf den gesellschaftlichen Hintergrund achten, der maßgeblich die "Wirkung" von Medien bestimme. Studien zeigten, dass derselbe Film von verschiedenen Menschen individuell vor dem Hintergrund ihrer Lebenswelt gedeutet wurde und so eine Vielzahl von "Wirkungen" entfaltete - nicht nur die nach verstärkter Aggression oder keiner, worauf die Medienwirkungsforschung sich beschränkt. Die Bereiche Gesellschaft und Gewalt sowie Gesellschaft und Mediengewalt werden hier als getrennte Welten konzipiert, verbunden nur durch das (gefährdete, aggressionsbereite, atomisierte) Individuum. Gewalt ist in dieser Konzeption etwas der Gesellschaft Äußerliches und wird durch die Medien erst in sie hineingetragen (vgl. Röser). Diese Blickrichtung, die sich den Zuschauenden als potentielle Problemfälle nähert, verweist auf die gesellschaftliche Funktion der Medienwirkungsforschung, die von einem passiven Zuschau-Objekt ausgehen muss, um Antworten auf Werbungswirkung, Wahlkampagnen und eben die Gewaltfrage zu geben. 

Studien mit Cultural Studies-Ansatz (z.B. Röser, Winter) zeigen, dass die Rezeption und Wirkung von Mediengewalt wesentlich durch soziale Positionierungen in gesellschaftlichen Kontexten geprägt wird. Die Gewaltfrage kann aus ihrer Sicht nicht durch eine Medienwirkungsforschung erhellt werden, der ein Gesellschaftsbezug in den Forschungstheorien und -strategien fehlt. 


Konsequenzen
"Nur wenige Experten bezweifeln heute noch, dass die Darstellung von Gewalt im Einzelfall ganz reale Gewalt hervorrufen kann - zu erdrückend sind die Selbstauskünfte der Täter und die Belege der Ermittler, die etwa nach den Schulmorden in Paducah (Kentucky, 1997), in Jonesboro (Arkansas, 1998), in Littleton (Colorado, 1999), im sächsischen Meißen (1999), im bayerischen Brannenburg (2000) und jüngst in Erfurt zusammengetragen wurden."

"Die freie Hasswirtschaft", Der Spiegel 19/2002, S.219


Nur wenige ExpertInnen bezweifeln heute noch, dass Gewalt in der Gesellschaft primär nicht auf Medien zurückzuführen ist. Dagegen steht eine Vielzahl von JournalistInnen und PolitikerInnen, die diese populistische Meinung weiterhin vertreten, um einfache Lösungen anzubieten bzw. von eigenen Versäumnissen abzulenken. 

Die Ergebnisse der Mediengewaltforschung zeigen, dass es eine Lösung der Gewalt-Problematik ohne eine gesellschaftliche Analyse von sozialen Konflikten, Machtverhältnissen und Notständen nicht geben kann. Eine Verschärfung der Mediengesetzgebung kann wenig ausrichten und wäre zudem als bedenklich anzusehen, da andere hochrangige Rechtsgüter betroffen wären. Im Medienbereich ist praktische Kontrolle durch staatsferne Gremien als einziges probates Mittel anzusehen (Rundfunkräte, Landesmedienanstalten, Freiwillige Selbstkontrolle), weiterhin sinnvoll wäre eine Stärkung bzw. Integration von Medienerziehung, die "Medienkompetenz", kritische Sichtweise der Inhalte und eine Aufarbeitung von Erfahrungen vermittelt. Die entscheidenden Faktoren, die Menschen gewalttätig werden lassen, sind allerdings sozial und nicht medial verortet. <

[peer]



Literatur:

  • Friedrichsen, Mike/Vowe, Gerhard (Hrsg.): Gewaltdarstellungen in den Medien. Theorien, Fakten und Analysen. Opladen 1995.
  • Johnson, Jeffrey G. (et al.) : Television Viewing and Aggressive Behavior During Adolescence and Adulthood. In: Science 2002 295, Issue of 29 Mar 2002, 2468-2471.
  • Kunczik, Michael: Gewalt und Medien. Köln, Weimar, Wien 1987, 1994, 1996, 1998.
  • Faulstich, Werner: Jetzt geht die Welt zugrunde. Kulturschocks und Medien-Geschichte: vom antiken Theater bis zu Multimedia. In: Ludes, Peter/Werner, Andreas (Hrsg.): Multimedia-Kommunikation. Theorien, Trends und Praxis. Opladen 1997.
  • Merten, Klaus: Gewalt durch Gewalt im Fernsehen? Opladen, Wiesbaden 1999.
  • Röser, Jutta: Fernsehgewalt im gesellschaftlichen Kontext. Eine Cultural Studies-Analyse über Medienaneignung in Dominanzverhältnissen. Wiesbaden 2000.
  • Winter, Rainer: Der produktive Zuschauer. Medienaneignung als kultureller und ästhetischer Prozess. München 1995.